Was Tropensturm Nate mit San Juan del Sur anrichtet

Was ich diese Tage ganz sicher nicht sein will: Fischer! Als wir die erste Nacht in unserem bereits lieb gewonnenen Zimmerchen in San Juan del Sur wach im Bett liegen, geht mir dieser Satz immer wieder durch den Kopf. Seit Stunden prasselt hektoliterweise Wasser vom Himmel, ein kräftiger Wind zerrt an unserem Wellblech-Dach, die Blitze sind so häufig und grell, es blendet mit geschlossenen Augen. Mit gemütlich hat das nicht mehr viel zu tun, auch wenn ich Gewitter eigentlich sehr gerne mag. Immer wieder fragen wir uns, ob das Dach auch hält und schielen mit gemischten Gefühlen auf die immer grösser werdende Wasserlache in einer Ecke unseres Zimmers. Ich tröste mich damit, dass wir froh sein können, jetzt nicht irgendwo auf dem Meer in einem Boot zu sein.

Wie Recht ich damit habe, zeigt sich am nächsten Morgen. Obwohl der Sturm inzwischen an Stärke zugelegt hat, will ich unbedingt raus und mir ein Bild von der Situation machen. Was ich dann ein paar hundert Meter von unserem Hostel am Meer sehe, verschlägt mir die Sprache. Riesige Wellen türmen sich vor mir auf. Von den Dutzenden Schiffen, die am Vorabend noch angetaut in der Bucht lagen, wurde über die Hälfte an Land geschwemmt – die meisten in mehr als einem Stück. Ein verzweifelter Bootsbesitzer will noch retten, was zu retten ist und versucht, zu seinem Schiff rauszuschwimmen. Das Bild, wie er mit seinem Rettungsring von den riesigen Wellen herumgeschleudert wird, vergesse ich nicht so bald. Zum Glück können ihn ein paar mutige Helfer wieder aus dem Wasser ziehen.

Noch prekärer wird die Situation ein paar Stunden später, als die Flut kommt. Inzwischen sind alle Boote bis auf zwei nicht mehr dort, wo sie sein sollten. Die kleinen Lanchas konnten aus der Gefahrenzone gerettet und auf die Strasse gezogen werden. Bei einem Segelschiff oder Fischkutter ist das schwieriger. Ungebremst knallen die nun mit jeder Welle gegen die Hafenmauer, oder schlimmer, in eines der vielen Beachfront-Restaurants und deren Holzstelzen. Was allen am meisten Sorgen macht: Tropensturm Nate soll erst in der folgenden Nacht zu seiner vollen Stärke auflaufen.

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Das Deck des Restaurants gibts inzwischen nicht mehr.

Da wir sowieso nichts tun können, beschliessen wir, das Beste aus der Situation zu machen. Seit bald zwei Tagen ohne Strom, hat auch unser Laptop keinen Saft mehr. Somit fällt die Movie-Night sprichwörtlich ins Wasser. Also ab in den Schnapsladen! Wie sich zeigt, sind wir nicht die Einzigen mit dieser Idee. Das halbe Dorf deckt sich dort für eine lange Nacht ein. Wir gönnen uns zwei Flaschen Rotwein und verziehen uns ins immer noch ziemlich trockene Zimmer. Im Schein einer Taschenlampe schlürfen wir das Tröpfchen auf unserem Bett, während draussen der Wind von Minute zu Minute stärker wird.

Am nächsten Morgen hat es endlich aufgehört zu regnen und wir wagen uns mit Spiegelreflex-Kamera bewaffnet ans Meer, wo wir bei Weitem nicht die einzigen Gaffer sind. Das Bild, das sich uns bietet, ist eindrücklich. Die Aufräumarbeiten sind bereits in vollem Gange und ein Bagger buddelt alle paar Meter einen Dieselmotor aus dem Sand. Erwartungsgemäss ist kein einziges Boot unbeschadet, zumindest so viel wir das beurteilen können. Aber auch die Restaurants sind alles andere als gut weggekommen. So traurig das anzuschauen ist, etwas Schönes hat das Ganze: Ich bin mehr als beeindruckt, wie fleissig alle mit anpacken und einander helfen.


Und dann sind da noch ein paar durchgeknallte Surfer. Die Wellen sind immer noch ziemlich gross, aber noch viel gefährlicher – es treiben ganze Bäume und halbe Boote im verdreckten Wasser. Das hält sie aber nicht davon ab, für ihre zahlreichen Zuschauer eine Show abzuziehen.

Am Abend kommt dann endlich auch wieder der Strom zurück und Normalität kehrt ein. Und wir können endlich unsere Kleider aus der Wäscherei abholen – dummerweise haben wir so ziemlich unsere gesamte Garderobe am Tag vor dem Sturm abgegeben. (pat)

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