Wie wir Pablo Escobars Bruder kennenlernten

Auch ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod ist der Mythos Pablo Escobar ungebrochen. Der schillerndste aller Drogenbosse wird in den ärmeren Vierteln Medellíns nach wie vor verehrt und die Netflix-Serie „Narcos“ befeuert die Touristenattraktion Escobar. Grund genug für uns, das Thema Escobar genauer anzuschauen.

Wir entscheiden uns auf Anraten unseres Reiseführers für eine geführte Tour von Paisa Road. Die Tour soll interessante Stationen in Medellín beinhalten, die mit Escobar zu tun hatten. Kostenpunkt: 60’000 Pesos (ca. 20 Franken)

Mit dem Mini-Bus werden wir abgeholt. Ein Fahrer, ein Guide und ca. zehn Touristen. Erste Station ist das Edificio Monaco, Escobars Wohnblock in Medellín, den er extra für sich und seine Familienangehörigen errichten liess. Vor den Eingang bleiben wir stehen und betrachten das Gebäude. Hinein können wir leider nicht. Seit das Cali-Kartel eine Autobombe vor den Toren explodieren liess, steht das Gebäude leer. Demnächst soll hier eine Polizeistation entstehen, erklärt uns der Guide.

Weiter geht es in Richtung Vorstadt Itagüí. Auf dem Monte-Sacro-Friedhof liegt Pablos Grab. Unterwegs erzählt uns unser Guide Details aus Escobars Leben. Zum Beispiel, dass sein erster Job Grabräuber gewesen war. Der junge Escobar klaute Grabsteine, polierte die Inschriften raus und verkaufte sie weiter. Ausserdem erfahren wir, dass sein Bruder, Roberto Escobar, der Besitzer dieser Tour ist und wir ihn später treffen können. Das haben wir ehrlich gesagt nicht gewusst, es stand auch nichts im Reiseführer. Aber gut, gerne! Treffen wir Escobars Bruder auf einen Kaffee!

Sein Haus steht im Stadtteil Poblado, und ist eine der wenigen Immobilien der Familie Escobar, die nach Pablos Tod nicht konfisziert wurde. Auf diesem Anwesen feierte Pablo Escobar am Tag vor seinem Tod seinen 44. Geburtstag.

Mit festem Händedruck begrüsst uns Roberto. Der 70-Jährige macht einen recht netten Eindruck. Trotzdem ist die Stimmung in unserer Reisegruppe etwas gedämpft. Man traut dem älteren Herrn durchaus zu, dass er immer noch sehr bestimmt auftreten kann, wenn ihm etwas nicht passt. Und man weiss ja nie, welche Beziehungen der Senior noch hat. Im Wohnhaus findet sich neben den Familienporträts auch diverse Fundstücke aus der aktiven Drogenschmuggel-Zeit.

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Roberto Escobar ist Pablo Escobars älterer Bruder. In seiner Jugend war er ein erfolgreicher Radrennfahrer. Dem Kartell seines Bruders schloss er sich erst nach seiner Sportler-Karriere in den 1980er Jahren an. Dort war er für die Logistik, Verteilung und Vertuschung des Geldes zuständig. Er war also Pablo Escobars kreativer Buchhalter. Im Jahre 1991 wurde er von der Polizei verhaftet und wanderte bis 2003 hinter Gitter. Eine direkte Beteiligung an Gewaltverbrechen konnte ihm die Polizei nie nachweisen. Im Gefängnis erhielt Roberto eine Briefbombe, die ihn schwer verletzte. Seine Sehkraft und sein Gehör sind bis heute davon schwer beeinträchtigt. Er ist überzeugt, dass hinter dem Anschlag die Regierung steckte. Heute ist Roberto Escobar hauptsächlich eine Touristenattraktion, schüttelt Hände und erzählt von früher. Ausserdem verklagt er Netflix wegen der Serie „Narcos“, die angeblich Lügen über seinen Bruder verbreitet.

Gegen Ende der Tour bietet Roberto noch Souvenirs an. Darunter auch sein Buch „Wie mein Bruder Pablo Escobar wirklich war“, von ihm handsigniert und mit Fingerabdruck. Allerdings will heute keiner der anwesenden Touristen etwas kaufen. Viel beliebter ist da der Fototermin mit ihm. Er posiert mit den Touristen vor dem alten Fahndungsplakat der Polizei. Jeder darf Mal. Am Schluss wünscht er uns noch alles Gute, und dass all unsere „Projekte“ von Erfolg gekrönt seien. (mar)

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